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«‹Integration vor Separation› ist für mich unabdingbar»

04.05.2023
Die integrative Schule stösst in Basel-Stadt zunehmend an Grenzen. Wie beurteilt der Leiter Volksschulen, Urs Bucher, die Situation? Und wie könnte es seiner Meinung nach weitergehen? Ein Gespräch über Realität und Visionen.

«Integration vor Separation»: Wie lange lässt sich dieses Prinzip erfolgreich leben angesichts der zunehmenden Zahl von Schülerinnen und Schülern mit Verhaltensauffälligkeiten, Autismus-Spektrum-Störungen oder Lernschwächen?

Dieses Prinzip lässt sich immer leben! Für mich ist «Integration vor Separation» unabdingbar. An diesem Grundsatz wollen übrigens auch die Initiantinnen und Initianten der Förderklassen-Initiative nicht rütteln. Wir dürfen «Integration vor Separation» jedoch nicht als «Integration statt Separation» verstehen. Integration gilt dort, wo sie möglich ist, und Separation gilt dort, wo die Bedingungen für ein Gelingen einer Integration nicht gegeben sind. Anders ausgedrückt: Integration ja, aber nicht um jeden Preis und stets mit Blick auf die ganze Klasse.

Zurzeit besuchen rund drei Prozent der Schülerinnen und Schüler separative Angebote. Mit der Förderklassen-Initiative und den von den Volksschulen entwickelten Massnahmen zur Entlastung der integrativen Schule könnte sich diese Zahl deutlich erhöhen. Liesse sich da überhaupt noch von integrativer Schule sprechen?

Ja! Wir wissen, dass es bei der Nutzung separativer oder teilseparativer Angebote zu einer Zunahme kommen wird, kennen die künftige Entwicklung der Zahlen aber nicht und stützen uns auf Schätzungen. Basel-Stadt gehört heute bei der Umsetzung der integrativen Schule schweizweit zu den Spitzenreitern. Vielleicht schlägt das Pendel in den kommenden Jahren wieder etwas in die andere Richtung. Ich glaube aber nicht, dass wir uns an das andere Ende des Spektrums bewegen werden. Dazu ist unsere Mentalität zu stark in Gedanken der Integration verhaftet.

Was können Lehr- und Fachpersonen im Umgang mit verhaltensauffälligen Schülerinnen und Schülern heute tun, um der hohen Belastung entgegenzuwirken?

Den Lehr- und Fachpersonen stehen Unterstützungsangebote zur Verfügung, jene der Kriseninterventionsstelle KIS zum Beispiel oder Beratungen durch die Fachstelle Förderung und Integration FFI. Sie nutzen diese auch. Und die Lehrerinnen und Lehrer können in pädagogischen Teams gemeinsam nach Lösungen suchen – am besten frühzeitig. Ich wünschte mir zudem, dass sie nicht verzweifeln, wenn eine Situation eskaliert. Sondern dass sie es aushalten, nicht immer allen zu hundert Prozent gerecht werden zu können. Perfektion hat in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Es kann und muss aber nicht immer alles perfekt sein. Es braucht in diesem Sinne auch eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit schwierigen Situationen.

Wie auch immer mögliche Massnahmen aussehen werden: Sie benötigen mit grosser Wahrscheinlichkeit mehr Platz. Schulraum ist jedoch vielerorts knapp. Wie lösen Sie das?

Es wird tatsächlich nicht einfach sein, den nötigen Raum zu schaffen, da haben wir noch nicht für alle Standorte passende Lösungen. Neben der Suche nach zusätzlichem Raum wird auch die Improvisationsfähigkeit der Schulen weiter gefragt sein. Es gibt ja viele Beispiele für sinnvolle Raum-Umnutzungen, etwa von bisherigen Computer-Zimmern.

Auch Fachpersonen wie Logopädinnen oder Heilpädagogen sind gesucht. Was heisst das für die integrative Schule von morgen?

Auch das ist eine grosse Herausforderung. Basel-Stadt ist jedoch ein attraktiver Arbeitgeber. Und die Pädagogischen Hochschulen werben mit ihrer Aus- und Weiterbildungsoffensive für die Lehrgänge in schulischer Heilpädagogik, Logopädie und Psychomotorik. Ich bin zuversichtlich, dass wir auch künftig genügend gut ausgebildete Fachpersonen für unsere Schulen gewinnen können.

Die basel-städtische Volksschule im Jahr 2036: Wie soll die integrative Schule 25 Jahre nach deren Einführung aussehen und gelebt werden?

Ich bin überzeugt, dass die Integration von Kindern der Normalfall bleibt. Die heutige Volksschule in Basel-Stadt ist eine integrative Schule. Weiterhin soll die ganze Klasse und nicht nur das von einer Einschränkung betroffene Individuum von einem qualitativ hochstehenden Unterricht profitieren. Die Lehr- und Fachpersonen sollen ihre Aufgabe mit Herzblut wahrnehmen können, zufrieden sein in ihrem Beruf und sich als selbstwirksam erleben. Dazu benötigen sie entsprechende Rahmenbedingungen. Die Ressourcen werden im Schulbereich schnell zu einem Thema. Wichtig ist mir da vor allem die Wirksamkeit der eingesetzten Mittel: Diese müssen in erster Linie der Förderung der Kinder und Jugendlichen dienen.

Interview: Valérie Rhein, Bild: Grischa Schwank

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