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Geschichte des Jugendbücherschiffs

Fast jeder Mensch unter fünfzig, der in Basel zur Schule gegangen ist, war in seiner Schulzeit auf dem Bücherschiff. In einen Sitzsack gefläzt, auf dem Boden oder an einem Tisch sitzen Kinder und Erwachsene, vertiefen sich in Bücher und bemerken kaum das Schaukeln der MS Christoph Merian, wenn nebenbei ein Tanker vorbeifährt. Prominent an der Schifflände  verankert, ist das Schiff aus dem Lesewinter kaum wegzudenken. Dabei war der Umzug aufs Schiff vor 39 Jahren nur eine Notlösung.

Jugendliche vor «verderblicher Schundliteratur» schützen

Bereits seit 1935 fanden in Basel Jugendbuchausstellungen statt, die Orientierung auf dem Büchermarkt bieten sollten. Organisiert wurden sie von der Basler Jugendschriftenkommission (JSK), einer Kommission des Erziehungsdepartements, die aus Lehrerinnen und Lehrern verschiedener Schulstufen zusammengesetzt war und deren Nachfolgerin seit 2009 die «AG Basler Schulbibliotheken» ist. Die Ausstellungsräume lagen immer zentral in der Nähe des Rheins und waren teilweise historische Orte wie der Münstersaal des Bischofshofs (bis 1976) oder der Kartäusersaal des Waisenhauses (bis 1980).

Seit 1973 ist auch das Team der Bibliothek PZ.BS mit an Bord, die damals noch «Pädagogische Dokumentationsstelle» hiess. Die Basler JSK verfolgte – wie ihre Pendants in anderen Kantonen – ein klares Ziel : «Das Engagement für die Jugend und ihre Bücher», wie es in einem Bericht von 1985 heisst. Wie dieses Engagement aussehen sollte, hat sich über die Jahre allerdings stark gewandelt.

So stand zu Beginn der «Schutz der Jugend vor den verderblichen Einflüssen der minderwertigen Hefte und Romane» im Vordergrund. Durch das Empfehlen und Verbreiten «wertvoller » Bücher sei die jugendgefährdende Schundliteratur am wirkungsvollsten zu bekämpfen. So schaffte es etwa Astrid Lindgrens «Pippi Langstrumpf» nicht in die Ausstellung von 1954, denn: «Mit der Originalität ist es nicht weit her und hinter die psychologische Grundhaltung setzen wir ein grosses Fragezeichen», wie einer Rezension der Basler JSK zu entnehmen ist. Dem Buch fehle «der ursprüngliche, kindliche gesunde Humor» und es sei daher entschieden abzulehnen. In den 60er-Jahren begann sich diese Haltung zu ändern und das Fördern von mündigen Leserinnen und Lesern wurde zunehmend wichtiger. Die Fantasie anzuregen und Unterhaltung zu bieten wurden zu erwünschten Absichten.

Mit viel Freiwilligenarbeit aufs Schiff

1981 stand das Organisationsteam vor einem Problem, denn die bisherigen Orte waren nicht mehr verfügbar und ein freier, genügend grosser und auch noch finanzierbarer Raum für die Jugendbuchausstellung war nicht zu finden. Ernst Ritter, der damalige Präsident der Basler Jugendschriftenkommission und Leiter der Pädagogischen Dokumentationsstelle, fand eine ideale Lösung: Die Jugendbuchausstellung zog auf den Rhein, damals auf die «Stadt Basel».

Die Basler Personenschifffahrtsgesellschaft hatte in der Vorweihnachtszeit Kapazitäten und bot den dringend benötigten Platz. Doch auch das Schiff stiess bald an seine Grenzen. Beatrice Baumgartner, pensionierte Bibliothekarin und lange Jahre Teil des  Bücherschiffteams der Bibliothek PZ.BS, erinnert sich: «Es war voll. Wir hatten so viele Kinder an Bord, weil sich die Klassen nicht anmelden mussten. Das Gewusel war wirklich  eindrücklich.» Erst in den 90er-Jahren wurde die Anmeldung obligatorisch und die Zahl der Anwesenden begrenzt. Mit dem Umzug auf die MS Christoph Merian gab es dann auch mehr Platz.

Die ersten Jahre auf dem Schiff waren geprägt von enorm viel Freiwilligenarbeit, denn ein Budget jenseits der Schiffsmiete war nicht vorgesehen. Baumgartner erinnert sich, wie sie an der Buchmesse in Frankfurt Verlage abklapperten, um kostenlose Rezensionsexemplare für die Ausstellung zu erhalten. Viele freiwillige Helferinnen und Helfer waren engagiert: «Eine Werklehrerin hat die Titel der Regale gemalt, mein Vater hat die Eingangskontrolle gemacht und ich habe nach Feierabend mit dem Velo die Plakate in die Buchhandlungen gebracht»,  berichtet Baumgartner. Dass das Erziehungsdepartement Basel-Stadt Ende der 90er-Jahre die Kosten für das Bücherschiff fix ins Budget der Bibliothek aufnahm, war ein grosser Meilenstein.

«Wir machen das Schiff für die Kinder.»

Besonders in Erinnerung blieben Baumgartner die Veranstaltungen mit Autorinnen und Autoren: Franz Hohler, Frederica de Cesco oder Rafik Shami – sie alle waren schon auf dem Bücherschiff. Und natürlich die Kinder: «Für sie machen wir ja das Schiff. Die Kleinen, die haben sich irgendwo hingesetzt, ein Buch aufgeschlagen und dann waren sie weg. Wenn andere über sie drüber geklettert sind, haben sie kaum aufgeschaut. Das Schiff allein ist schon ein Erlebnis. Es gab auch solche, die haben eine halbe Stunde zum Fester raus und den Schiffen zugeschaut, aber das war egal, das Bücherschiff war auch für sie ein positives Erlebnis.» Das hat sich über all die Jahre nicht geändert.

Das Bücherschiff wird jährlich von Tausenden von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen besucht, die aus der ganzen Region und sogar aus dem Ausland kommen. Das Schiff ist so beliebt, dass Besuche während der Unterrichtszeiten nur mit Voranmeldung möglich sind. Viele Kinder kommen das erste Mal mit ihrer Schulklasse aufs Bücherschiff und dann am Wochenende mit Eltern oder Grosseltern im Schlepptau erneut.

Jedes Jahr wird ein breites Rahmenprogramm angeboten, mit Lesungen für Familien, Fortbildungskursen, zeichnerischen Aktivitäten und seit 2002 auch der beliebten Erzählnacht, bei der die Leinen los gemacht werden und das Schiff in den Rhein sticht.

Wir feiern den vierzigsten Geburtstag!

2021 ist so mancher runde Geburtstag dem Virus zum Opfer gefallen, auch jener des Bücherschiff.  2021 hätte das Bücherschiff zum vierzigsten Mal an der Schifflände angelegt. Damit Kinder trotzdem in neuen Büchern stöbern konnten, machten kleine Schiffe der Bücherschiffflotte auf Wunsch Halt in Basler Schulhäusern und brachten ausgewählte Neuerscheinungen vorbei. Auch die Veranstaltungen wurden nicht einfach gestrichen: Im Sommer 2021 organisierte die Bibliothek PZ.BS eine Bücherschiff-Lesewoche. Und den vierzigsten Geburtstag holen wir vom 22. März bis 5. April 2022 nach.

Teile dieses Texts erschienen erstmals im Basler Schulblatt 4/2020.