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«Vermittlung soll inmitten der Kunst stattfinden»

26.06.2023
Kunstvermittlung unter Skulpturen und umzingelt von Herkules: Schülerinnen und Schüler der Primarstufe Theodor entdecken die Schweizer Künstlerinnen Simone Holliger und Pia Fries, denen im Kunsthaus Baselland zwei Ausstellungen gewidmet sind.
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Vier Werke und 18 Kinder: Unzählige Kinderstimmen beantworten Meret Glausens Eingangsfrage «Was seht ihr?»

Eigentlich würde das Museum jetzt noch schlafen. Es ist kurz vor neun Uhr, die Tore öffnet das Kunsthaus Baselland normalerweise erst um elf. Heute sind knapp zwanzig Schülerinnen und Schüler der Primarstufe Theodor zu Besuch. Leise setzen sich die Kinder und die vier Lehr- und Fachpersonen auf den Boden und schauen neugierig umher. Die Ruhe und Weite des Kunsthauses Baselland gehören allein ihnen.

Meret Glausen, Illustratorin und Kunstvermittlerin, die den heutigen Vormittag leitet, begrüsst die Gruppe und lenkt die Blicke auf vier riesige Bilder. «Was seht ihr?» Die nebeneinander hängenden Werke der Schweizer Künstlerin Pia Fries zeigen abstrakte Formen, die von einem Bild ins nächste übergehen. Die sechs- bis achtjährigen Schülerinnen und Schüler sehen vieles. «Mir gefällt die Blume auf Holz», sagt ein Kind. «Die Farbe sieht so aus, als hätte ein Elefant darauf gestanden», sagt ein anderes und bringt die Gruppe zum Lachen. Immer mehr Kinder melden sich zu Wort. Enthusiastisch stehen sie auf und nähern sich dem Kunstwerk, während ihre Finger über dem Bild schweben und zeigen. Dass sie hier nichts anfassen dürfen, wissen sie genau.

«Pias Kunst ist super, sie macht so Lust. Allein schon wenn man vor den Bildern steht, möchte man sie anfassen, weil es überall Reliefs hat», sagt Meret Glausen in die Runde und fügt an: «Man möchte selber mit Farbe rumwühlen und genau das dürft ihr später beim Workshop.»

Im nächsten Raum zeigt Meret Glausen weitere Werke von Pia Fries und erklärt, wie die Malerin die Farbe direkt aus der Tube dick auftrug und mit Fäusten, Bürsten und anderen Instrumenten hin- und her bewegte. Die Farbe steht teilweise so dick von dem Bild ab, dass ihre Werke eine dritte Dimension bekommen. Ausserdem arbeitete die Künstlerin, die neben Malerei auch Bildhauerei studiert hatte, mit Schablonen, Siebdruck und Holz.

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Ein Werk um uns herum

Die Unterschiede zwischen 2D und 3D lernten die Kinder bereits am Tag zuvor an einem anderen Workshop im Kunsthaus Baselland kennen. Mit Papier und Leim bauten sie eigene Skulpturen, die sie danach mit Farbe besprühten. Die Arbeit war inspiriert von der Künstlerin Simone Holliger, der neben Pia Fries ebenfalls eine Ausstellung gewidmet ist.

An der Primarstufe Theodor findet gerade eine Kunstprojektwoche statt. Je nach eigenem Interesse widmen sich die Schülerinnen und Schüler während fünf Tagen klassenübergreifenden Kunstprojekten. Sie malen, kleistern, tanzen, singen, sprayen, musizieren und vieles mehr. Zusätzlich werden Museen und Workshops besucht und Künstlerinnen und Künstler befragt – wie hier im Kunsthaus Baselland, wo diese Gruppe am Tag zuvor Simone Holliger persönlich kennenlernen und ausfragen durfte.

Inzwischen befinden sich die Kinder in einem Raum, dessen vier Wände von Papierbahnen eingefasst sind. Pia Fries verwendete hier Fragmente eines berühmten Kupferstichs des Holländers Hendrick Goltzius, der in Rom die Statue des Herkules Farnese studierte und ihn in Rückenansicht abbildete. Die Plastizität des muskulären, marmornen Körpers übersetzte Goltzius auf das Papier – und Pia Fries kopierte den Körper unzählige Male auf die Wände des Kunsthauses Baselland. Die Primarschülerinnen und -schüler lauschen gespannt den Erläuterungen von Meret Glausen. «Wir sind umzingelt von Herkules», sagt ein Junge.

Unter den Skulpturen von Simone Holliger arbeiten die Schülerinnen und Schüler der Primarstufe Theodor mit Holz, Farbe und Knete.
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Unter den Skulpturen von Simone Holliger arbeiten die Schülerinnen und Schüler der Primarstufe Theodor mit Holz, Farbe und Knete.

Nach dem Rundgang folgt der Workshop

«Jetzt ist es Zeit, selber kreativ zu werden», Meret Glausen führt die Mädchen und Buben in einen weiteren Ausstellungsraum. Unter den Skulpturen von Simone Holliger, die an der Decke hängen und die Schülerinnen und Schüler an eine gemütliche Höhle erinnern, liegen Sperrholzplatten bereit. Jedes Kind setzt sich zu einer Platte hin, bekommt zwei unterschiedliche Acrylfarben auf das Holz und darf aus einer Menge an Gegenständen (Stricknadeln, Schöpflöffeln, Gabeln, Lockenwicklern, Schwämmen und Bürsten) ein paar Dinge auswählen. Mit dem, was sie in den Händen halten – nur kein Pinsel darf es sein – streichen die Kinder die zwei dicken Farbkleckse ineinander.

Nach ein paar Minuten sind bei manchen Bildern die zwei Farben noch knapp erkennbar. «Kunst ist zu wissen, wann aufhören», sagt eine der Lehrpersonen der Primarstufe Theodor. Sie ahnt, dass die Kinder so freudig rühren und mischen, dass bald ein brauner Brei zurückbleibt. Meret Glausen tröpfelt erneut Farbe aufs Holz, lässt sie wieder und wieder schmieren und ritzen – und schickt die Schülerinnen und Schüler in die Pause, wenn der Moment richtig scheint. Händewaschen. Znüni. Draussen austoben.

«Ein Bub hat mir gerade erzählt, er hätte heute Morgen einen Energie-Boost gehabt. Es sei die Kunst, die ihm so Energie gebe», sagt eine Lehrerin zu Meret Glausen. Die Kunstvermittlerin lacht und sagt: «Das ist natürlich der Traum!» Sie finde es wichtig, dass Lehrpersonen schon früh mit Schülerinnen und Schülern ins Museum gehen, um diesen Respekt abzubauen, der in Museen fälschlicherweise herrsche. «Niemand soll das Gefühl haben, hier nichts verloren zu haben, weil man nichts dazu sagen kann. Nein, jeder und jede kann etwas sehen, auch in Zeitgenössischer Kunst. Nichts ist falsch. Das, was man sieht, stimmt.»

 

Aus 2D wird 3D

Nach der Pause sind die Schülerinnen und Schüler bereit für den letzten Teil des Workshops. Ihre Kunstwerke auf Holz sind inzwischen teilweise getrocknet. Mit bunter Knete ergänzen sie die Bilder und geben ihnen den 3D-Effekt, den sie vorher bei Pia Fries gesehen haben.

Die abstrakte Mischung auf der Holzplatte hat bei vielen Kindern erkennbare Formen aus Farbe und Knete erzeugt. «Ich habe diese Farbe kreiert und dann ist daraus ein Frosch geworden», sagt ein Junge über sein Bild, und ein anderes Kind: «Ich habe Gelb mit Rot gemischt. Zuerst habe ich eine Sonne gemacht und dann ein Herzli mit Knete». Die Kinder zeigen einander ihre Werke und erklären ihre Motive, darunter ein «Süssigkeiten-Monster», einen Vogel, einen Park mit Blumen, einen «dicken Baum» und vieles mehr.

Zum Schluss werden alle Bilder – und auch die Skulpturen vom Vortag – mit Name beschriftet und eingepackt, bereit für die Vernissage der Primarstufe Theodor, an der Eltern und Interessierte die Kunst der Schülerinnen und Schüler bewundern dürfen. Aus der Ferne beobachtet Ines Goldbach, Direktorin des Kunsthauses Baselland, das Treiben.

Sie beschäftigt sich momentan intensiv mit dem Umzug des Kunsthauses von Muttenz nach Münchenstein, der für Frühling 2024 geplant ist. Auf dem Dreispitz entsteht ein neuer Cluster der Kultur, wo das Kunsthaus Baselland neben dem Haus für Elektronische Künste (HEK) und der Hochschule für Gestaltung und Kunst seinen Platz bekommt. «Der Umzug bedeutet zwar mehr Raumangebot für die Vermittlung, aber ich fände es ein falsches Zeichen, wenn die Vermittlung in einem Raum verschwindet. Im Gegenteil, Vermittlung soll inmitten der Kunst stattfinden können, so wie hier.»

Ein paar Kinder verpacken gerade die letzten Holzplatten und legen sie für den Transport bereit. Kein Zweifel: Diese fleissigen Künstlerinnen und Künstler passen an diesen Ort, in diese gemütliche Höhle.

Text: Tamara Funck, Fotos: Grischa Schwank

Das Vermittlungsangebot des Kunsthauses Baselland

Die Ausstellungen zu Pia Fries und Simone Holliger enden am 9. Juli, aber das Vermittlungsteam des Kunsthauses Baselland kreiert laufend Führungen und Workshops für Schulen zu seinem aktuellen Museumsprogramm. Grundsätzlich wird je ein Angebot für Kindergarten und Primarstufe, Sek I und Sek II geführt, aber Meret Glausen betont, dass sie auf Anfrage zusätzliche stufen-, fach- oder themenspezifische Vermittlungsangebote erstellt.

Die nächste Ausstellung wird sich Performancekunst widmen. In den Workshops wird dies zum Anlass genommen, sich mit dem eigenen Körper auseinander zu setzen.

Die Kosten für Schulklassen aus Basel-Stadt sind folgende:

  • Eintritt: frei
  • Begleiteter Einstieg (15 Minuten): 30.- CHF
  • Führung (60 Minuten): 100.- CHF
  • Workshop (90 Minuten): 130.- CHF

Weitere Informationen unter www.kunsthausbaselland.ch/vermittlung oder direkt bei Meret Glausen, meret.glausen@kunsthausbaselland.ch

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