Artikelaktionen

Auflösung

Bild Legende:

Nina sind vor allem die Tische, das Kunstbild an der Wand und das Plakat mit englischem Text ins Auge gestochen. Und der Blick aus dem Fenster liess sie auf eine Schule in der historischen Altstadt schliessen. Das Gymnasium am Münsterplatz lag da natürlich auf der Hand. Den Holzkreiseln am Boden hat Nina weniger Beachtung geschenkt als zum Beispiel der auffallenden Ordnung. Wird hier balancierend Kunst unterrichtet? Oder Mathe auf Englisch? Die haben doch dort so Immersion …

Das Spezielle an diesem ansonsten eher nüchternen Zimmer sind die in der Höhe verstellbaren Einzelpulte und natürlich die Holzkreisel, die quer durch den Raum verteilt sind. Letztere haben dem Zimmer, in dem acht Lehrpersonen die unterschiedlichsten Fächer unterrichten, auch den Namen gegeben: Es war das sogenannte «Kreiselzimmer» im Gymnasium am Münsterplatz, das es dieses Mal zu erraten galt.  

Den Namen verdankt das Zimmer den sogenannten «Bertram-Kreiseln», die von der Schulleitung vor sieben Jahren versuchsweise angeschafft worden sind und heute zum festen Inventar der Schule gehören. «Bei den Schülerinnen und Schülern sind die Kreisel so beliebt, dass wir mittlerweile auf Initiative des Schülerinnen- und Schülerparlaments drei weitere Zimmer mit ein paar Kreiseln ausgerüstet haben», sagt Nathalie Asensio. Die Fremdsprachenlehrerin unterrichtet zwar wie alle anderen Lehrpersonen jede Woche nur ein paar Stunden im Zimmer, hat aber von der Schulleitung die Verantwortung für das Zimmer übertragen bekommen. Im Schulhaus kennen alle schon deshalb das Kreiselzimmer, weil dort jeweils Einführungsveranstaltungen für die ersten Klassen stattfinden.

Doch was ist das Geheimnis hinter den Kreiseln und deren offensichtliche Beliebtheit bei den Lernenden? Der «Bertram»-Kreisel wurde vom Basler Physiotherapeuten Andreas M. Bertram und seiner Frau Christina für ein differenziertes Gleichgewichts- und Koordinationstraining entwickelt. Der Kreisel kann dabei in der Therapie und im Schulunterricht auf verschiedene Arten eingesetzt werden: Wer will, kann individuell wählen, ob er oder sie beispielsweise eine ganze (oder auch nur einen Teil einer) Lektion auf dem Kreisel balancierend, auf dem Boden stehend oder einfach auf einem Hocker sitzend dem Unterricht folgen möchte. Grundsätzlich ist im Gymnasium am Münsterplatz niemand gezwungen, den Kreisel zu benutzen.

«Optimierung der Informationsselektion»

Weil dieses Training das Nervensystem positiv beeinflusst, wird dadurch auch «das sensomotorische  Lernen durch Optimierung der Informationsselektion im Gehirn und durch Freisetzung von Neurotransmittern wie etwa Dopamin» (Originalzitat auf der Website der Physiotherapiepraxis des Ehepaars Bertram an der Leonhardstrasse) spürbar verbessert. Oha! Ob das bei allen Schülerinnen und Schülern tatsächlich zutrifft, kann Nathalie Asensio natürlich nicht abschliessend beurteilen. Nach ihren Erfahrungen ist aber nach einer Einführungsphase, in der die Jugendlichen natürlich ausprobieren müssen, was man mit den Geräten so alles anstellen kann, sehr wohl ein Effekt festzustellen: «Mit dem Kreisel nehmen die Jugendlichen automatisch eine aufrechtere Haltung ein. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich das Arbeiten auf dem Kreisel positiv auf die Konzentrationsfähigkeit und somit auch auf das Lernen auswirkt.»

Nathalie Asensio unterrichtet deshalb gerne im Kreiselzimmer und stellt sich – wenn es der Aufbau einer Stunde gerade erlaubt – ab und zu selbst auf einen Kreisel. Weil sie während einer Unterrichtsstunde mobil sein muss, verzichtet sie allerdings darauf, die Schuhe auszuziehen. Alle Lehrpersonen achten aber darauf, dass die aus einheimischem Holz gearbeiteten Kreisel nicht schmutzig werden. Und am Schluss einer Stunde, das ist ebenfalls eine klare Regel, werden die benutzten Kreisel wieder sorgfältig im Aufbewahrungsregal hinten in der Ecke versorgt.

Peter Wittwer