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Wenn einfachste Grundlagen fehlen …

08.09.2021
Viele Kindergartenkinder und Kinder mit besonderem Bildungsbedarf können aufgrund fehlender Lernvoraussetzungen die Anforderungen des Lehrplans 21 nicht oder nur zum Teil erfüllen. Die Fachstelle Förderung und Integration FFI hat darum ein neues, praxisnahes Fördermaterial entwickelt: KiBaKo legt den Fokus auf die Förderung von Basis-Kompetenzen.
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Schön, wenn ein Kindergartenkind schon Anfang Schuljahr die Farben kennt, seine Körperteile benennen, zuhören und einer Linie entlang schneiden kann. Dann beherrscht es schon viele der im Lehrplan 21 für den 1. Zyklus beschriebenen Kompetenzen. Die Realität sieht oft anders aus: Tarik versteht die Aufträge der Lehrperson nicht, die knapp Vierjährige Laura kann noch nicht alleine Hände waschen, und Liam verweigert sich kategorisch allem, was ihm nicht passt. Schon nach wenigen Tagen ist offensichtlich: Für einige Kinder sind die Ziele viel zu hoch gesteckt. Willkommen im Kindergartenalltag.   

Riesige Unterschiede
Die Kompetenzziele des LP 21 zu erreichen ist auf allen Stufen eine grosse Herausforderung, im Kindergarten aber ist die Heterogenität ganz besonders gross. Dort orientiert sich der Lehrplan zunächst an der Entwicklungsstufe der Kinder. Im Verlauf des 1. Zyklus verschiebt sich der Schwerpunkt des Lernens von den Entwicklungsbereichen zusehends hin zum Lernen in Fachbereichen. So bildet die Kompetenz «Ich kann nach Vorlage ein Muster legen» die Grundlage für weitere Kompetenzen im Fachbereich Mathematik. Um die im Lehrplan formulierten Kompetenzen erreichen zu können, müssen die Kinder Vorläuferfähigkeiten entwickeln. Doch ganz vielen Kindergartenkindern, aber auch einigen Primarschülerinnen und -schülern, fehlen die Basiskompetenzen, die Voraussetzung für alle weiteren Lernschritte sind.

Angepasstes Fördermaterial
Und es fehlen Fördermaterialien, mit denen diese Basiskompetenzen auf der Unterstufe gezielt geübt werden könnten. Dies hat Fachbeauftragte der Fachstelle Förderung und Integration FFI dazu angeregt, selber welche zu erarbeiten. Die Heilpädagoginnen Annette Bürgelin und Sihna Lind haben erkannt, dass es Materialien braucht, die dem Entwicklungs- und Lernstand jener Kinder entsprechen, die von den regulären Anforderungen überfordert sind. Das betrifft nicht nur sehr junge Kindergartenkinder, sondern auch Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen, wenig Förderung zuhause oder Primarschulkinder mit besonderem Bildungsbedarf. Also ziemlich viele.

Kompetenzen veranschaulicht
Das Fördermaterial ist bestechend einfach: Auf 92 Karten sind Basiskompetenzen kindgerecht illustriert und auf der Rückseite schriftlich formuliert. Zum Beispiel: Ich kann meine Schuhe anziehen. Oder: Ich kann in einer Gruppe zuhören. Oder: Ich kann sorgfältig arbeiten. Die Hintergrundfarbe zeigt, zu welchem der neun im Lehrplan 21 beschriebenen entwicklungsorientierten Zugänge die Kompetenz gehört. Bei den genannten drei Beispielen sind das: Eigenständigkeit und soziales Handeln, Sprache und Kommunikation und Lernen und Reflexion. Ein Karteikasten sortiert das Ganze. KiBaKo nennt sich das praxisnahe Material, die Abkürzung steht für Kinder-Basis-Kompetenzen. Die Kärtchen ermöglichen die individuelle Förderung einzelner Kinder in genau jenen Bereichen, in denen dies besonders nötig ist. Anschaulich, übersichtlich und unter Einbezug aller an der Förderung Beteiligter – auch der Kinder selber.

Yvonne Reck Schöni
Fotos: Grischa Schwank

KiBaKo im Unterrichtsalltag

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Das KiBaKo-Material ist bereits in verschiedenen Kindergärten, Spezialangeboten und IK-Klassen eingesetzt und erprobt worden. Die Rückmeldungen waren durchwegs positiv. Es ist sehr leicht verständlich und dient daher nicht nur beteiligten Lehr- und Fachpersonen, sondern auch Eltern und besonders den Kindern selber als motivierendes Hilfsmittel. Schritt für Schritt, oder Kärtchen für Kärtchen, lassen sich Lernfortschritte gezielt visualisieren und erreichen. Alle sehen, was aktuell geübt wird, was schon erreicht ist, und gemeinsam kann das nächste Ziel bestimmt werden. Das lässt sich auch mit der ganzen Klasse machen, denn einige der dargestellten Ziele sind durchaus anspruchsvoll.

Ein Beispiel für den Kindergarten: Jedes Kind fügt drei Kärtchen (eines davon selber ausgesucht) mittels Musterklammer zu seinem persönlichen Fächer zusammen. Wer eine Kompetenz erreicht hat, kann das Kärtchen in einer gebastelten Schatzkiste / seiner Schublade / seinem Fächli… ablegen. Die Lehrperson sucht neue Kompetenzkärtchen aus, allenfalls in Absprache mit beteiligten Lehr- und Fachpersonen (Heilpädagogik, Logopädie, Psychomotorik, DaZ …) oder auch Eltern. So sehen alle, vor allem auch das Kind selber, was es gerade zu üben gilt. Es können auch Rituale eingeführt oder die Karten an einem Elternabend erläutert werden.
Beispiel für ein Kind mit besonderem Bildungsbedarf in der Primarschule: Der Kompetenzfächer mit den Illustrationen hilft Ezki, an ihre Ziele zu denken und sich selber welche zu setzen (z.B. Ich gebe nicht auf, wenn etwas nicht auf Anhieb klappt). Auch für Ezkis Eltern oder die Mitarbeitenden in der Tagesstruktur ist damit ersichtlich, was momentan im Fokus steht. Die Karten erleichtern die interdisziplinäre Zusammenarbeit und ermöglichen es, Eltern – auch wenn sie kaum Deutsch sprechen – auf eine niederschwellige Weise in den Förderprozess miteinzubeziehen.

Das KiBaKo-Material

Die Boxen mit den 92 Kompetenzkarten inklusive Übersichtsheft wurden zum Schuljahresbeginn 21/22 bereits an die Standorte, die diese bestellt haben, ausgeliefert. Folgende ergänzende Materialien stehen auf der Webseite der Fachstelle Förderung und Integration zur Verfügung:

  • Handreichung
  • Beobachtungsbogen
  • KiBaKo-Heft
  • Ergänzungsliste
  • 92 Kompetenzkarten in digitaler Form

Ausserdem finden sich auf der FFI-Webseite (Login-Bereich) Kurzfilme, die Anregungen zum praktischen Einsatz des Materials für verschiedene Berufsgruppen und Lernsettings geben.

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